Ein
Stück polnischer
Kultur in Deutschland:
Die Geschichte des Actors‘ Studio Pulheim e.V.
Ein Hauptziel des Theaters und des Vereins ist von Beginn an, polnisches
Theater und polnische Literatur in deutscher Sprache dem deutschen Publikum
nahe zu bringen. Daneben ist gleichermaßen Ziel, eine Ausbildungsstätte
für junge Schauspieladepten zu bieten, in der sie u.a. mit polnischen
Regisseuren, Professoren und Schauspielern zusammenarbeiten.
Als künstlerischer Leiter des Actors‘ Studio Pulheim e.V.
versuchte und versuche ich stets einen gemeinsamen Erfahrungsort herzustellen
für deutsche Schauspielkunst und polnisches Theater, deutsche und
polnische Künstler und Kultur.
Meine Arbeit will vor diesen Realitäten in unserem Innern nicht
fliehen, sondern sich ihnen stellen: Die Konfrontation der Einstellungen
ist geradezu eine Voraussetzung meiner Arbeitsmethode geworden, um eine
Verständigungsebene in einem Schaffensprozess von polnischen und
deutschen Künstlern zu erschließen. Auf der Bühne werden
solche Fakten dann relativ, das Publikum erhält die Macht der Einschätzung.
Aus dem Actors‘ Studio Pulheim sind bereits einige Größen
hervorgegangen. U.a. Felix Goeser, ist mittlerweile am Stuttgarter Staatstheater
und Burgtheater in Wien engagiert, und er wurde von Theaterkritikern
in „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres 2006“ gewählt.
Tessa Keimes, ebenfalls eine Absolventin des Actors' Studio, spielte
in dem US-amerikanischen Kinofilm „Der gute Hirte“ unter
der Regie von Robert de Niro eine Nebenrolle. Das Trio Andre Erlen, Klaus
Zehe und Stefan Kraft hat sich unter dem Namen „Futur 3“ als
Kölner Theatergruppe selbstständig gemacht. Mit ihren Inszenierungen
haben sie bereits an dem landesweiten Theaterfestival „Theaterzwang“ teilgenommen.
Christian Meier arbeitet als Schauspieler in Stadttheater Cottbus, Fabienne
Westhoff arbeitet als Cutterin bei vielen Filmproduktionen.
Das erste „polnische“ Theaterprojekt von Actors‘ Studio
Pulheim e.V. war „Ivonne, die Burgunder Prinzessin“ von Witold
Gombrowicz (1992). Diese Inszenierung haben wir mit großem Erfolg über
fast drei Jahre in ganz Deutschland und bei verschiedenen internationalen
Theaterfestivals aufgeführt. Hieraus entstand die Idee einer Gombrowicz-Trilogie.
Es folgte 1994 „Die Hochzeit“. Für 1995 wurde „Die
Operette“ geplant.
In Folge der „Hochzeit“-Inszenierung kam es zu einem sehr
wichtigen Gespräch mit dem damaligen Rektor der Krakauer Theaterhochschule,
Ludwig Solski – Jerzy Stuhr.
Bereits zwei Jahre vorher waren Kontakte zur Schauspielschule Krakau
geknüpft worden, die meinen Schauspielschülern die Möglichkeit
eröffneten, in Blockseminaren, die von den Professoren der Krakauer
Schauspielschule geleitet wurden, die praktische schauspielerische
Ausbildung für Studenten des 1. bis 4. Semesters zu durchlaufen.
Bei dem Gespräch mit Jerzy Stuhr nun kam es zu der denkwürdigen
Idee, ein gemeinsames deutsch-polnisches Theaterunternehmen durchzuführen.
Dieses Projekt (1994) wurde „Wesele-Hochzeit“ genannt und
basierte auf dem Text des Dramas „Wesele“ von Stanislaw Wyspianski.
Ein paar Monate später ist diese außergewöhnliche Begegnung
und Zusammenarbeit in Deutschland zustande gekommen: über 20 deutsche
Schauspieler, 16 Studenten aus der Schauspielschule Krakau, fast 140
Krakowiak tanzende Tänzer-Statisten aus sechs deutschen Ballettschulen
realisierten gemeinsam ein 140-minütiges „deutsch-polnisches
Drama“, wie es ein Rezensent nannte.
Das nächste Theaterunternehmen fand seinen Anfang im Krakauer Tanztheater
Eurodance 2000: „Die Farben: weiß...“. Die Premiere
fand 1995 in Köln statt.
Gleichzeitig wurden Vorbereitungen getroffen für unser erstes kleines
Jubiläum im Jahre 1996: 5 Jahre Actors‘ Studio Pulheim e.V.,
das immer häufiger die neue, nicht-offizielle, Benennung „Deutsch-polnisches
Institut für instrumentelle Theaterarbeit“ führte. Das
Jubiläum stand dann unter der Schirmherrschaft des damaligen polnischen
Ministers für Kultur und Kunst, Zdzislaw Podkanski, und des damaligen
deutschen Außenministers, Klaus Kinkel.
Neben über 40 deutsch-polnischen Kulturveranstaltungen (Aurorenbegegnungen,
Schauspiel-Workshops, Ausstellungen), hat das Actors‘ Studio Pulheim
mit „Die Hochzeit“ und „Die Farben: weiß...“ eine
Tournee durch Polen gemacht mit Aufführungen in Kudowa Zdroj, Bochnia,
Krakow und Warszawa.
Im selben Jahr des Jubiläums, 1996, haben wir anlässlich der
Auszeichnung Wislawa Szymborskas mit dem Literatur-Nobelpreis die Premiere
eines theatralen Gedichtabends mit poetischen Texten Szymborskas erarbeitet: „unsere
tägliche kaffeesatz-Leserei“. Die Aufführungen wurden
in Kooperation mit der Akademie Klausenhoff vorbereitet. Diese Inszenierung
haben wir vier Jahre lang mit großem Erfolg gespielt und während
vieler wichtiger deutsch-polnischer Festanlässe in Deutschland präsentiert,
u.a. bei der Auszeichnung des polnischen Außenministers Bronislaw
Geremek mit dem Karlspreis in Aachen.
1997 waren wir eingeladen, bei den Veranstaltungen zum 35-jährigen
Jubiläum des internationalen Moniuszko Festivals, die unter der
Ehren-Schirmherrschaft des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewskis
stattfanden, teilzunehmen.
Aus den Kontakten und Gesprächen während unserer Aufführungen
in Kudowa Zdroj entwickelte sich das theateranthropologische Projekt „Zeitwege“,
dessen künstlerischer Leiter ich dann später wurde. Dieses
Projekt wurde bis 2004 jährlich realisiert: in einer ersten Phase
nahmen außer den Studenten des Actors‘ Studio Pulheims die
Studenten des Osrodek Praktyk Teatralnych Gardzienice teil. In den weiteren
Jahren waren immer Jugendliche und Studenten von Schauspielschulen aus
Polen und Deustchland dabei. Mit der Zeit ist das Projekt aber auch ein
großes internationales Ereignis geworden mit weiteren Teilnehmern
aus England, Argentinien, der tschechischen Republik, Frankreich, Spanien,
Slowenien und Usbekistan. Im Jahre 2000 ist dann auf meine Initiative
der Verein Kudowskie Theater Gesellschaft „Drogi Czasu“ entstanden,
der die Gesamtheit der organisatorischen und formellen Vorbereitungen
des Projektes unterstützte.
Eine weitere Aufführung des Actors‘ Studio Pulheim war im
Jahr 1997 eine bewusste Antwort auf antipolnische Witze im Fernsehen
(Harald Schmidt bei SAT1). Unter dem Titel „Harry Heine und Schmitt
Satt Eins oder ein slavisches Grenzvolk an der Pforte zur germanischen
Welt“ präsentierten wir ein Spektakel, das auf dem Text der „Polenreise“ von
Heinrich Heine von 1822 basierte und in Kooperation mit dem Polnischen
Institut Düsseldorf, dem Stadtmusem Düsseldorf und der Kunstakademie
Düsseldorf entstand.
Mit einigen Studenten des Actors‘ Studio Pulheim reiste ich im
selben Jahr nach England, wo wir in Manchester, zusammen mit der einzigen
staatlichen Theaterhochschule in England, die keine Altersbegrenzung
für die Aufnahme kennt, The Arden School of Theatre, ein Projekt „The
Paradise“ realisierten. Das fast zwei Monate dauernde Projekt
wurde beendet mit einer Aufführung vor Studenten des 2. Semesters.
Der zugrunde liegende literarische Stoff der Inszenierung waren die Texte
von Janusz Glowackis Erzählung „Paradis“.
Das nächste „polnische“ Projekt fand in 1999 statt.
Eingeladen von dem Direktor des schweizerischen Theaters „theatre
pour le moment“, fuhr ich nach Bern, wo die Koproduktion „theatre
pour le moment“ und Actors‘ Studio Pulheim durchgeführt
wurde: „Die Emigranten“ von Slawomir Mrozek wurden unter
meiner Regie in vier Saisons gespielt, und zwar in der Schweiz, in Österreich
und Deutschland.
Im Jahr 2000 fand auf der Bühne Theater der Jugend in Paderborn
unsere nächste Premiere statt: „Die Zimtladen“ nach
Bruno Schulz – eine Aufführung auf der Basis von zwei Sprachen
unter Teilnahme von Jugendlichen des Tanztheaters Mix 21 aus Krakau.
Im selben Jahr habe ich die Vorbereitungen für die nächste
deutsch – polnisch - künstlerische Begegnung begonnen. Dieses
Mal war es ein Projekt unter dem Titel „Szenar für nicht existierenden jedoch
möglichen instrumentellen Schauspieler“ von Boguslaw Schaeffer,
mit Jan Peszek in der Hauptrolle. Die Idee des Projektes war, diese Aufführung,
die von Peszek seit über 20 Jahren gespielt wird, einem jungen
deutschen Schauspieler – Zögling von Actors' Studio Pulheim,
André Erlen, weiterzugeben und zu übermitteln.
Die Schirmherrschaft über dieses künstlerische Unternehmen übernahmen
der Präsident von Krakau, Andrzej Golas, und der Bürgermeister
von Köln, Fritz Schrama. Die Arbeiten an dem Projekt haben fast
2 Jahren gedauert. Die Premiere wurde von den zwei Schauspielern Peszek
und Erlen, in zwei Sprachen - deutsch und polnisch -, im Schauspielhaus
Düsseldorf und Teatr Maski i Aktora Groteska in Krakau gespielt.
Im Jahr 2002 gaben wir die nächste Premiere: eine deutsch–polnische
Koproduktion mit Aufführungen im Stadttheater Leipzig unter Mitwirkung
des Polnischem Instituts Leipzig, des Deutschen Polen Instituts Darmstadt
und des Schauspiels Düsseldorf. Das künstlerische Unternehmen
unter dem Titel „Nacht-tisch Gedichte“ basiert auf der Poesie
polnischer Dichter und präsentiert eine theatrale Textcollage.
2003 – 2004 haben wir an ein deutsch-polnisch-tschechisches
Projekt, das auf Fragmenten des „Tagebuch“ von Franz Kafka
basiert, gearbeitet. Die Premiere fand während des Internationalen
Festivals Europäischer Kulturen in Paderborn statt, die Inszenierung
wurde dann später auch aber in Irkov (Tschechien) und Krakau (Polen)
gezeigt.
2004 hatten wir eine weitere polnische Premiere, ganz in polnischer Sprache
gespielt. Die Beteiligten waren Jugendliche, die in Schulen in Nordrhein-Westfalen
Polnisch lernen. Der literarische Stoff, an dem wir gearbeitet haben,
war das Text „Krol Macius Pierwszy“, der von Joanna Kulmowa,
die während der Aufführung anwesend war, szenisch bearbeitet
worden war. Dieses Ereignis mit 46 Darsteller und fast 900 Zuschauern
fand in einer großen Veranstaltungshalle in Leverkusen statt (Forum
Leverkusen).
2005 leitete ich eine Koproduktion von Actors' Studio Pulheim mit dem
Polnischen Institut Leipzig, dem Schauspielhaus Leipzig, der Musikstaatschule
Zgorzelec und der Tanz- und Gesanggruppe „Boleslawiec“. Meine
Regie der Inszenierung „Der TEILende Tisch“ fußte auf
lyrischen Texten von polnischen Autoren, die in der fünfbändigen Übersetzung
von Karl Dedecius, „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ (Lyrik
herausgegeben von Karl Dedecius. Deutsches Polen Institut Darmstadt,
Ammann Verlag Zürich), enthalten sind. Die Premiere, an der fast
80 Darsteller beteiligt hwaren, fand im Stadttheater Görlitz statt
und war als Inauguration des Deutsch – Polnischen Jahres 2005/2006 in
Sachsen gestaltet.
Im selben Jahr, auch in Rahmen des Deutsch – Polnischen Jahres
2005/2006 bereiteten wir in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut
Düsseldorf und der Universität Düsseldorf mit Studenten
der internationalen Theatergruppe AKUT unsere neue Premiere vor. Sie
hatte den Titel „Immer mehr Grau oder nichts Neues“ und basierte
auf den dramatischen Texten von Stanislaw Ignacy Witkiewicz. Die Aufführungen
fanden im Theatermuseum Düsseldorf statt.
Außer Projekten, die mit Aufführungen verbunden sind, präsentiert
Actors' Studio Pulheim seit vielen Jahren den Kulturzyklus – SYLWETKI
POLSKIEGO WSPOLCZESNEGO TEATRU. Es fanden schon viele Begegnungen, Vorlesungen,
Diskussionen, Theaterworkshop, Filmvorführungen statt. Die Themen
waren u.a. „Jerzy Grotowski und sein Theater“, „Theater
des Todes von Tadeusz Kantor“, „Andrzej Wajda – Regisseur
und Mensch“…
Unsere Gäste waren u.a. Jerzy Stuhr, Jan Peszek, Ziuta Zajacowna,
Olga Szwajger, Krzysztof Miklaszewski, Tomasz Golebiowski.
Seit dem Anfang der Tätigkeit von Actors' Studio Pulheim e.V. sind über
40 Aufführungen und Theaterprojekte entstanden. Wir haben
sie in 14 Länder und 3 Kontinenten präsentiert.
Kontakt: Michal Noçon: mail@michal-nocon.de
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